Archive: Mai 2013

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Euphorious! Heute ist Eurovision Song Contest 2013

Endlich! Nur noch einmal schlafen und ich kann wieder normale Musik hören. So schön es hier ist und so fein immer die ESC-Saison vor sich medeandert (1a-Wortspiel zur Moderatorin Petra Mede), so erfrischend ist es dann auch, wenn’s vorbei ist. Doch vorher gibt’s heute noch einmal die volle Dröhnung, das „Grand Final“, wie man hier so sagt. Und das geht so:

Zum Start gibt’s eine neue ESC-Hymne, geschrieben von den Abba-Herren. Das Ganze ist üblicher Pseudoklassik-Pomp im Olympia-Eröffnungsstil, wird aber mit der sehr hübschen Idee verbunden, dass alle Teilnehmer in die Halle einmarschieren. Auf Startnummer 1 singt dann für Frankreich eine Sängerin mit dem großartigen Namen Amandine Bourgeois. Dieses Jahr haben ja erstmals die Produzenten die genaue Startreihenfolge festgelegt (die Länder wurden nur der ersten oder zweiten Hälfte zugelost) und hier zeigt sich bereits die Gewitztheit der Schweden: Was läge näher, als den Abend mit einem Song beginnen zu lassen, in dem die verrückte Wilde kreischend droht, wie sie einem Typen das Leben zur Hölle machen wird? Uplifting! Es folgt Andrius aus Litauen, dessen Schuhe laut Text immer noch nicht rechts und links sondern love and hate heißen. Meine Schuhe nenne ich stets Ekaterina und Nebukadnezar, kein Wunder, dass ich mit dem Liedlein nichts anfangen kann. Clever hingegen Aliona aus Moldau: Sie hat für den Fall des sich auf ihrem Rock andeutenden plötzlichen Gewitters ihr eigenes Haar-Vordach dabei und singt die erste überkandidelte Ballade des Abends. Noch gröhliger wird’s aber mit dem Team Ding Dong um die heiratswütige Krista aus Finnland. Ein engagiert hüpfender Chor, eine großartige Kesha-Katy-Perry-Gedenknummer und das erste Mal Stimmung inne Bude.

Zum Glück kommen gleich die Dudelsack-Langweiler von El Sueno de Morfeo (ESDM, wie wir Crazy-Insider sagen) aus Spanien. Sie holen einen auf den Boden der Tatsachen und hauchen sich durch ihr dröges „Contigo hasta el final“. Mit Dir bis zum Ende? Ich verzichte. Roberto aus Belgien ist in der Eurovisionswoche zum Mann geworden. Er hat einen ordentlichen Selbstvertrauensschub bekommen und sieht jetzt beinahe wie ein echter Sänger aus, wenn er davon trällert, wie sehr ihn die Liebe umbringt. Tolle Aussage, da schnippt der ganze Saal doch gerne fröhlich mit. Birgit Oigemeel ist nicht nur die Frau mit dem zweitschönsten Namen im Contest, sondern sie singt auch sehr angenehm davon, dass ein Neuanfang möglich sei. Manche mögen dieses Lied aus Estland langweilig finden, doch es gibt genug Gründe dafür, dass „ruhig“ und „angenehm“ in der ESC-Welt durchaus positiv besetzt sein sollten. Einen liefert zum Beispiel Alyona aus Weißrussland. Sie hat mit einem ganz anderen Lied die Vorauswahl gewonnen, doch einem echten Lukaschenko macht so etwas wohl nichts. Was Fröhlicheres musste her, so dass nun nicht nur Lonskayas Kleid an diese Walzen aus der Autowaschanlage erinnert, sondern sie auch über etwas typisch weißrussisches singt: den Cha cha.

Ebenso landestypisch präsentiert sich die kaltblütig kalkulierte Céline-Dion-Gedächtnisballade „What if“ aus Russland. Die fleischfarben gekleidete Castinggewinnerin Dina Garipova steht im Lampenladen herum und liefert den Kameraleuten eine Übungsstunde in Tiefenschärfe. Über die Idee, dass alle Menschen auf der Welt mehr zusammenhalten sollten, flippt der Chor natürlich aus und grinst sich einen. Logisch. Zum Glück ist das Ding schnell vergessen, denn dann kommt Deutschland. Cascada liefert den einzigen Dorfdisco-Stampfer des Abends und dies dürfte näher an einen Sieg herankommen, als viele in Deutschland glauben. Die (ohne Witz) äußerst sympathische Frau Horler (Natty, für Freunde) liefert das Lied äußerst souverän ab – so kann das wohl nur jemand mit jeder Menge Erfahrung aus 3-Uhr-Auftritten in Discotheken, die den Namen der Straße tragen, an der sie liegen (vgl. A7, B27 etc.). Um Gor, den Sänger aus Armenien, darf gezittert werden: Fangen seine Augenbrauen während der Pyro-Fontänen plötzlich Feuer? Hat er einige neue Englisch-Vokabeln gelernt (außer plah-niit, daaah-nitt, seeejf-juu, staaahp-itt)? Oder werden wir durch den engagierten Knödelrock doch endlich mal alle aufgerüttelt, uns um unseren „Lonely Planet“ zu kümmern?

In einigen Ländern folgt nun eine kleine Werbepause, in anderen ist die schwedische Sängerin Sarah Dawn Finer als EBU-Botschafterin Linda Woodruff zu sehen. Sie ist ungefähr drei Fantastillionen Mal witziger als die tatsächliche Moderatorin und muss deshalb auch schnell wieder Platz machen für die Niederlande. Anouk singt immer noch von _fallenden_ Vögeln, während hinter ihr Vögel _steigen_. Verwirrung pur. Das Ding ist kein „Nobody’s Wife II“ sondern eine sehr ausgetüftelte Ballade, die es auch außerhalb des Wettbewerbs in der wirklichen Welt geben könnte. Hup, Anouk! Danach ist es schade, dass es heutzutage kein Testbild mehr gibt, nach dem Auftritt aus Rumänien wäre dies zur Entspannung vielleicht nötig. Cezar ist seine eigene Text-Bild-Schere, indem er auf Macker macht, aber mit Kastratenstimme energisch behauptet, dass dies alles sein Leben sei. Der Zuschauer stellt zudem erstmals verwundert fest, dass es in Europa auch weibliche Tänzerinnen gibt – was an der Zielgruppe natürlich völlig vorbei geht. Dennoch gilt, was Littlejamie auf Twitter so schön sagte: Unter dem Rock jedes erfolgreichen Mannes steckt stets eine goldene Frau. „Glänzen“, würde Gerd Delling sagen, „das ist ein gutes Stichwort für Bonnie Tyler aus Großbritannien“: Die 61-Jährige (ja, erst 61) sieht aus wie etwas, das man in Bahnhofsnähe für 29,99 Euro kaufen kann und in das man Luft pumpt, aber sie bittet sehr radiokompatibel darum, doch bitte an sie zu glauben. Keiner rockt geiler als Bonnie Tyler (there, I said it!). Ihr Abschlussapplaus ist auch deshalb so stark, weil bereits das Pop-Frettchen Robin Stjerneberg aus Schweden die Bühne betritt. Weil jedes ESC-Lied nur drei Minuten lang sein darf, singt er einfach drei Lieder übereinander. Dem Zuschauer bringt „You“ – eine ungute Mischung aus Coldplay und dem Geräusch, wenn’s derbe durch die Wohnung zieht – aber leider nur halbsoviel Spaß.

Das Weiterkommen von ByeAlex aus Ungarn war eine große Sensation, was womöglich daran liegt, dass „Kedvesem“ (Liebling) ziemlich weit am ESC-Bombast vorbeigeschrieben ist. Trotzdem ist das Ding so eingängig und angenehm, dass dem Kopfnicker-Songwriter meine volle Sympathie gilt. Daher mit Ungarn-Flagge in der Halle: ich. Böse Zungen in Fanforen behaupten, dass darauf die „barfüßige Trulla vom Elfenstrich“ folge, Ihnen genauso unbekannt als Emmelie de Forest. Mit Zinsraten knapp über Bundesanleihen-Niveau ist Dänemark der absolute Top-Favorit in den Wettbüros und gemessen am Glitter-, Pyro- und Trommeleinsatz ist das natürlich völlig gerechtfertigt. Startnummer 18 ist zudem ein Traum – und dennoch war ich nach dem gestrigen Jury-Finale von der arg routiniert runtergespulten Konsensnummer nicht komplett überzeugt. Der nächste Nordeuropäer folgt auf dem Fuß. Legolas-Verschnitt Eythor aus Island singt in einem Dress aus dem 19. Jahrhundert inklusive Taschenuhr, dass er auch ein Leben hat. Ob seine Freunde früher immer riefen „Ey, Thor, komm mal hor“ ist nicht überliefert. (Es singt für Sie: das Niveau.) Farid aus Aserbaidschan hat auf seiner Webseite schon ein zweites Standbein angekündigt, sollte es nicht mit der internationalen Sängerkarriere klappen: Ein Capoeira-Video. Er bittet in einer seltsam verrätselten Glaskasten-Schatten-Leidenschaft-vs.-Ratio-Choreografie darum, gehalten und entfaltet zu werden. Eine schlimm gefällige Popnummer mit Schleimergrinsen, natürlich landet das sehr weit oben. Der traditionelle Ska-Song kommt dieses Jahr aus Griechenland.  „Alcohol is free“ ist zwar glatt gelogen, bringt aber Spaß und geht in die Beine. „Yamas!“ gröhlt der Lead-Opi am Ende – zurecht. Darauf einen Sirtaki! Beim Song aus der Ukraine wünscht man sich hingegen in Stummfilm-Zeiten zurück. Verpassen würde man ohne den Gesang nichts, denn zum einen hat Zlata Ognevich eine so ausgefeilte Schmetterlings-Handchoreografie, dass man das Geknödel von „Butterfly“ und „Gravity“ auch so versteht – und zum anderen haben die Komponisten und Texter ohnehin auf einen sinnvollen Text oder so etwas konventionelles wie eine Songstruktur verzichtet. Stattdessen singt die fantastisch aussehende Dame einfach ein  paar zufällige englische Silben und Vokabeln, voll schön.

Die Eros-Ramazotti-Gedächtnisnummer „L’essenziale“ ist in Italien bereits ein Riesenhit, Sänger Marco Mengoni ein großer Star. Er macht einen auf „playing hard to get“ und verschafft dadurch seinem eigentlich recht durchschnittlichen Lied wenigstens ein bisschen Grandezza. Dürfte bei Jurys gut ankommen, die Nummer. Mit Norwegen folgt eine große Unbekannte: Margaret Berger füttert uns mit ihrer Liebe und dazu knattert und knarzt es wie auf der Baustelle am Berliner Flughafen. Ginge es beim ESC darum, besonders zeitgemäß zu sein, würde die Frau im weißen Ganzkörperkondom strahlende Siegerin, werden aber natürlich sind solcherlei Kriterien im Eurovison-Lala-Land vollkommen unwichtig. Stattdessen zählen große Gefühle, oder das, was kalkulierte Gröhl-Balladen-Duos dafür halten. Georgien schickt die einzigen Schmachtbratzen des Jahres, allerdings mit schwedischem Schreiber im Hintergrund. Wie er sie dabei angeekelt auf Distanz hält, ist stets eine große Freude. Und schon haben wir’s geschafft: Schon kurz vor dem offiziellen Schnelldurchlauf spielt Irland zum Ende noch einmal alle Lieder auf einmal, dazu nacktes Bubenfleisch, dumpfe LCD-Animationen und das seit Lena unvermeidliche Hände-zum-Herz-aneinanderhalten. Aber, hey: Only Love survives! (Und der ESC, natürlich. Der ist ja trotz aller redlichen Bemühungen auch nicht totzukriegen.)

Es folgen drei Stunden Pausenfüller mit Loreen, irgendwelchen schwedischen Eigenarten und einer hübsch-tragischen „The Winner Takes it All“-Version von Sarah Dawn „Woodruff“ Finer und dann die Punkte. Sie wissen ja wie es läuft. Natürlich möchte ich mich auch heute zum Horst machen, daher der Top-5-Tipp:

1. Dänemark
2. Aserbaidschan
3. Deutschland
4. Italien
5. Griechenland

Happy Eurovision everybody!

malta

Kommt ein Kastrat zum Kinderarzt – Guide zum 2. Semi Eurovision Song Contest

Weiter geht der wilde Ritt. Heute um 21 Uhr läuft das zweite ESC-Semi, in Deutschland auf Phoenix und was soll man sagen? Es wird _noch_ besser als am Dienstag. Das Spiel ist nahezu identisch: 17 Länder singen, 10 kommen ins Finale am Donnerstag. Nach einem flotten Auftritt einer Urban-Dance-Band (oder wie die Kids das heutzutage nennen) geht’s auch flugs los.

Total witzig: An Startnummer eins singt Lettland „Here we go“. Der Rapteil würde jeder Marky-Mark-B-Seite Tränen in die Augen treiben und warum sich die Sänger PeR zu nackter Hühnerbrust unterm Glitzersakko entscheiden, bleibt ein Rätsel. Fun Fact: Zum ersten Mal in der Geschichte der Eurovision gibt’s Stage Diving und Crowdsurfing. Natürlich nur in Produzentenhände, sonst wär’s das wohl gewesen mit dem Letten. Danach wird’s alles total meta, denn es kommt Valentina Monetta aus San Marino. Da werden Sie jetzt aufhorchen und sagen: „Moment mal… Das ist doch die vom Facebook-Song aus dem letzten Jahr!“ Korrekt. Die 37-Jährige hat aber die Sozialen Netzwerke hinter sich gelassen und interessiert sich nun für Biologie. Sie singt Crysalide, also über die Verpuppung eines Schmetterlings, quasi Valentinas Lebensgeschichte. Grand-Prix-Superdino Ralph Siegel hat sich in den 30.000-Mann-Staat hineinkomponiert. Er liefert zwei Songs zum Preis von einem, so dass gleich noch etwas Geld für ‚ne kleine Ikea-Lampe zu Beginn des Auftritts blieb. Es folgt Mazedonien mit einem Balkan-Superstar, wie man so sagt. Esma Redzepova ist wohl seit Jahrzehnten ein Roma-Musik-Phänomen und sitzt im Stadtrat von Skopje. Sie war ordentlich sauer, als das zunächst vorgesehene regimekritische „Imperija“ disqualifiziert wurde und muss sich nun maskottchenhaft durch „Pred da se raszeni“ („Vor der Dämmerung“) wedeln und singen: „Ich, Esma, singe für Euch. Ich werde Eure Herzen schmelzen, also wackelt mit den Hüften, weiter so, steht auf, Ihr Roma“). Fair enough. Die Inszenierung von Farid Mammadov aus Aserbaidschan versteht man ohne Betriebsanleitung kaum. Während er darum fleht, gehalten und auseinandergefaltet zu werden, steht der 1,70 m große ESC-Posterboy des Jahres auf einem Glaskasten. Darin: sein Schatten und rote Blüten. Und es kommt irgendwann eine Frau und alles symbolisiert den Kampf Leidenschaft gegen Vernunft und das Ganze hat durch ein jüngst vorgenommenes Zupfen der Augenbrauen beste Chancen. Baku 2014 wäre natürlich ein Riesenspaß, da geht menschenrechtlich sicher Einiges.

Seit einer Woche rennen die Trauzeuginnen von Krista aus Finnland in Hochzeitsklamooten durchs Pressezentrum und gröhlen „Oh, oh, oh, oh, oh DING-DONG“. Korrekt, es geht in diesem Song, für den sich wohl selbst Katy Perry zu schade wäre, äußerst subtil ums Heiraten. Den Gegenentwurf bildet dann Gianlucca aus Malta. Der Kinderarzt („oooh“) singt mit einem an der Grenze von sympathisch und debil wandelnden Lächeln von „Jeremy, working in IT“. Am Ende sitzt die ganze Familie auf der Parkbank und alle sind glücklich. Doch dieses Glück weilt für den Zuschauer nur kurz, weil sich sofort das bulgarische Safri Duo zum zweiten Mal durch den Wettbewerb trommeln darf. Vor einigen Jahren waren sie rätselhaft auf Platz 6 gelandet und jetzt singen sie unverfroren von den Dingen, die nur Champions gelingen. Doch auch dieses ESC-Lied dauert nur drei Minuten, so dass schließlich der Legolas Islands uns erfreut. Eythor wäre gerne so cool wie der Brüll-Este aus dem letzten Jahr und auch seine Taschenuhr bringt ordentlich Punkte auf der Fischerjungen-Credibility-Skala. Doch in seinem Lied bringt er etwa dreihundert Mal unter, dass „Ich ein Leben habe“, was beim Zuschauer das Gefühl auslöst, sich dringend auch mal eins zulegen zu müssen – womöglich eines, in dem der ESC nicht vorkommt.

Es folgt eine kompliziert-kritische Auseinandersetzung mit der Finanzkrise in Griechenland unter dem schönen Titel „Alcohol is Free“. Die Koza Mostra (haha) bringt das jedes Jahr vertretene Ska-Liedchen unter und ist dabei so flott, dass das griechische Fernsehen näher an einen Sieg heranrücken dürfte als dort irgendjemandem lieb sein kann. Bonuspunkte für jedes Bullshit-Bingo natürlich durch eine Sirtakieinlage am Schluss. Dafür darf direkt im Anschluss uns Moran Mazor aus Israel ordentlich die Stimmung versauen. Mit Nana-Mouskouri-Gedächtnis-Look hat die alte Simmungspuperin den ganzen Schmerz der Liebe in ihr Liedchen gepackt und droht drei Minuten lang, was sie alles „Nur für ihn“ machen würde. Na, auf so eine unkomplizierte Dame hätte ja jeder Lust. Armenien gibt dem Zuschauer ein feines Reim-Rätsel mit auf den Weg: Was würden Sie mit „Planet“ in Verbindung setzen? Richtig! „Done it“. Das geht natürlich nur, wenn sie beides nicht englisch, sondern „plaaah-nit“ und „daaah-nit“ aussprechen. Hübsche Idee auch, vom bedrohten Planeten zu singen, dabei aber die halben Erdgas-Vorräte Schwedens in die Halle zu feuern. Sänger Gor Sujvan wartet zudem noch auf seinem Termin beim aserbaidschanischen Augenbrauen-Kosmetiker. Da wartet man als Zuschauer ja nur noch auf einen ungarischen Hipster, der von der einen Frau singt, die die Richtige für ihn ist. Der moderne Schmerzensmann von heute erlaubt sich dazu natürlich keinerlei Reaktion, dabei ist sein Lied mitten in diesem überkandidelten Budenzauber eine echte Wohltat Erinnert sich noch jemand an den JCB-Song?

In Nordeuropa hatte wohl Björk noch eine zusammen mit Muse ausgedachte Songidee in der Schublade rumliegen und ihre Freundin Margaret aus Norwegen angerufen. Die singt nun davon, dass sie uns alle mit Liebe füttern will. Der zeitgemäßeste Song in diesem Jahr beginnt mit einer halben Minute Schlagbohrhammergedröhne und endet im Elektropopsirenengeschrei – völlig logisch, dass Margaret dazu den Zuschauer in einer Tour verführerisch anzwinkert. Die Rocker aus Albanien haben hier unter der Woche ein wohltuendes Karma-Ausgleichskonzert gegeben, so dass ich seitdem auch ihr „Identitet“ mit anderen Ohren höre. Bledar Seko hat dabei seine E-Gitarre mit den Zähnen gespielt, was natürlich großartig ist. Außerdem hat er Pyros in der Gitarre und Erfahrung: Der Mann hat schon Rock gespielt, als das in Albanien noch verboten war (sagt Wikipedia). Für Georgien hat ein Schwede die Songs von Aserbaidschan 2011 und Spanien 2012 zusammengeschrieben und von einem pseudoschmachtenden Liebespaar im Duett singen lassen, das sich vermutlich vor ihrem Treffen im Tonstudio noch nie gesehen hat. „Waterfall“ hat aber eine total subtile Wasserfall-Grafik im Hintergrund und so viele hohe Noten, dass eine gute Platzierung völlig unumgänglich ist. Für die Schweiz sollte die Heilsarmee als „Salvation Army“ in Uniform singen. Das fand die European Broadcasting Union aber doof, denn Politik ist auf der ESC-Bühne verboten. Jetzt haben sie sich pfiffigerweise „The Artists Known As Salvation Army“ genannt, also Takasa. Sie singen trotzdem weiterhin ihr stümperhaft zusammengeschustertes Lied darüber, wie toll es wäre, hielten alle mehr zueinander. Pfft. Zum Glück kommt auch beim ESC das Beste zum Schluss: Rumänien. Da denkt man doch gleich an Dracula, an Bombast und natürlich an derben Kastratenopernpop. „It’s my life“ spricht ganz andere Sinne an, als es Musik üblicherweise tut. Aber gut, ist halt sein Leben, da hat der Cezar völlig recht.

Bleibt noch der Tipp, mit dem ich sicher genauso toll liege wie am Dienstag. Meine san marinesische Ikea-Leutchkugel sagt: Norwegen, Aserbaidschan, Georgien, Griechenland, Malta, Rumänien, Mazedonien, Ungarn, Albanien und Island.

 

Foto: Eurovision, Dennis Stachel (EBU)
Foto: Eurovision, Dennis Stachel (EBU)

In den Schultern von Giganten – Guide zum 1. Semi Eurovision Song Contest

Bevor es hier mit dem knallharten Medienzeugs losgeht, nutzen wir doch das Blog für eine kleine Vorschau auf den heutigen Abend. Es ist Eurovisions-Woche und die verehrte Leserschaft soll gerne daran teilhaben, wie ich hier in Malmö (Fun Fact I: Der Insider sagt in etwa „Moll-möh“) durch’s Lala-Land stolpere. Heute gibt es eine Vorschau auf das erste Semifinale, heute abend ab 21 Uhr auf Eins Festival.

Es gibt Regeln: Seit einigen Jahren ist die Eurovision so riesig, dass es zwei Halbfinals gibt, aus denen sich jeweils zehn Länder für die Samstagabend-Show qualifizieren. Dort treffen sie auf die stets gesetzten fünf größten Geldgeber (UK, D, FR, ITA, ESP) und den Titelverteidiger. Gestern war das sogenannte Jury Finale, eine Generalprobe, die bereits in die wertenden Länder übertragen wird. Die Punktewertungen (12-10-8-7-6-5-4-3-2-1) setzen sich zu 50 Prozent aus einem Televote und zu 50 Prozent aus einer Jury-Meinung zusammen.
In jedem Land sitzen fünf Mitglieder in der Jury und haben die Aufgabe, alle Lieder in eine Reihenfolge zu bringen. In Ländern, in denen zu wenig Zuschauer für einen ordnungsgemäßen Televote anrufen, wird ausschließlich die Jurywertung genutzt. Zum Beispiel hat ja San Marino nur gut 30.000 Einwohner, die eventuell anderes zu tun haben, als generischen Ralph-Siegel-Kompositionen die Daumen zu drücken. Da das Auszählen der Jury-Wertungen aber wohl etwas komplizierter ist, werten die Jurys nicht am Show-Tag, sondern bereits zur Generalprobe davor. Für das erste Semi war das gestern der Fall.

Let the Show begin: Motto in diesem Jahr ist „WE ARE ONE“, was mein kleines Kitsch-Herz natürlich total erfreut. Ein großer Teil der Eurovisionsfaszination sind schließlich hässliche Klamotten und fiese osteuropäische Tanztrullas ist schließlich der Gedanke, dass an einem Abend ganz Europa vor der Glotze hockt. Das wird zum Beispiel damit verdeutlich, dass zu Beginn Vorjahressieger „Euphoria“ durch Europa gondelt und mit Blasmusik, in Balkan-Fahrgemeinschaften und in israelischen House-Tempeln gedudelt wird – ganz nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen also. Dann wir „Euphoria“ von einem herzzereißenden Kinderchor mit Gebärdensprachenunterstützung gesungen. Besser geht’s ja wohl nicht. Oh, doch: Zusätzlich hat man sich dieses Jahr für Schmetterlinge entschieden. Die finde ich doof kitschig, Herzen wären mir lieber gewesen.

Schließlich starten die Songs, Startnummer 1 hat Österreich. Natalia Kelly singt „Shine“, aber so wie sie es singt, müsste es eigentlich „Whine“ heißen. Ein Gejaule vor dem Herren, während ihr Chor seltsam verloren in komisch von der Decke herunterhängenden Leucht-Stalaktiten umherirrt. Ruhiger wird es daraufhin mit Birgit Oigemeel, was ja als Künstlername schon auf die ganz große internationale Karriere hindeutet. Sie singt für Estland eine furchtbar altbackene zeitlose Ballade darüber, dass ein neuer Anfang immer möglich ist. Und für Madame stimmt es, denn die gute ist schwanger, weshalb sie sich in einer Pressekonferenz zum Mörderkracher hat hinreißen lassen, dass „We are one“ auf sie ja nun nicht zuträfe. Es folgt die aus Slowenien stammende Hannah Mancini, die auf der Bühne so erkennbar überhaupt keinen Spaß hat, dass sie ihren Tänzern auch noch die hübschen Silber-Visiere klaut. Ein Dance-Kracher, der einen ständig anschreit, wie schnell die Liebe startet, sehr sympathisch. Ruhiger wird’s dann mit den zehn sechs Tenören aus Kroatien. Auch sie singen eher problembeladen von einer „Mizerja“ und behaupten keck, dass außer sie nur „Glauben und pure Liebe besäßen“. Fair enough.

Zwei Balladen hatten wir schon, Dänemark tritt auf Startnummer 5 mit dem schnellen ESC-Lied an. Emma aus dem Wald ist die nächste mit Beziehungsproblemen, weshalb sie ohne Glätteisen einem verirrten Flötentypen hinterher irrt. Am Ende gibt’s Pyros – was will man mehr? Kein Wunder, dass das Ding der Topfavorit ist. Als nächstes steht Dina Garipova, ihres Zeichen Super-Casting-Star aus Russland, in einem Lampenladen herum und singt eine Ballade, wie sie ekliger und kalkulierter nicht rüberkommen könnte. Die Zuschauer in der Halle werden genötigt, Leuchtarmbänder zu schwenken und selig mitzugrinsen, wenn sich die schmierigen Backgroundsänger angröhlen, wie toll es doch wäre, wenn wir alle etwas netter zueinander wären. Noch uriger wird es aber mit der Ukraine. In der nach oben offenen „Gäbe es irgendwo auf der Welt eine sprechende Kuh, dann würden wir auch diese auf die Bühne stellen“-Peinlichkeitsskala wird die bestaussehende Frau des Wettbewerbs von einem sicher 3,20 m großen Riesen auf die Bühne getragen. Laut Pressetext symbolisiert „Igor, the fantasy giant“ die innere Stärke von Zlata. Danach hat man sich gegen eine Songstruktur entschieden und lässt Frau Ognevich einfach zufällig drei Minuten Englisch-Vokabeln durch die Gegend schreien und dazu die Arme wedeln. Großes Kino. Die Niederlande können mit Anouk einen der bekanntesten Namen aufwarten: Anouk. Als Anti-Zlata hat sie sich entschlossen, einfach drei Minuten gar nicht in die Kamera zu schauen und einen sehr hübschen Walzer mit Text-Bild-Schere zu singen. Angeblich fallen die Vögeln vom Himmel, aber im Hintergrund steigen sie auf. Wer nicht nur davon, sondern möglicherweise auch vom Humpeln der Dame irritiert ist, bekommt hier echtes Insiderwissen: Madame hat sich wohl beim Bowlen was im Oberschenkel gezerrt.

Montenegro bietet auf Startplatz 9 einen echten Kracher. Kein Beitrag hat dieses Jahr mehr Youtube-Views, doch am typischen ESC-Stammpublikum wird das nicht liegen. Das blickte während dieser Rap-Gröhl-Techno-Avantgarde-Dingens-Einlage irritiert durch die Gegend. Ein Fehler, denn mal im Ernst: Beleuchtete Astronautenhelme? What’s not to like about it? Andrius Pojavis, der James Franco Litauens, ist als nächstes an der Reihe und singt unter anderem von seinen Schuhen, die Namen haben. Der eine heißt Liebe, der andere Schmerz. Da widmen wir uns doch lieber der aus Weißrussland stammenden Alyona Lanskaya. Die Dame hat mit einem ganz anderen Song die Vorentscheidung gewonnen, aber vermutlich hat der nicht Lukaschenkos Gnaden gefunden. Stattdessen singt sie jetzt ein spanisch angehauchtes Lied über die Kraft des Cha Chas. Das Leben steckt halt voller überraschender Wendungen. Profis werden erkennen, dass hinter der Choreografie das gleiche Team wie hinter Armenien 2011 („Boom Boom, Tschakka, Tschakka“) steckt. Ja, so etwas wird hier sehr ausgiebig diskutiert.  Dann darf Aliona Moon aus Moldau an die Reihe. Sie singt die vierunddreißigste Frauenballade des Abends, hat aber zwei Dinge auf ihrer Seite: Eine Hebebühne und eine Frisur, die auch dem Gewitter, das sich auf ihrem Kleid anbahnt, Stand halten wird. Die Glückliche.

In Irland hat man sich gefragt, wie man die David-Guetta-B-Seite „Only Love Survives“ wohl am besten präsentiert und ist zum Ergebnis gekommen, dass halbnackte Trommler mit gefakten Tattoos eine Superidee wären. Besonders toll ist der Typ an den richtig großen Trommeln, der ausschaut wie eine Mischung aus dem Prodigy-Frontmann und dem DJ der guten Laune. Fun Fact an dieser Stelle: Wie bei allen ESC-Beiträgen kommen auch hier sämtliche Instrumente von Band, nur der Gesang ist stets live. Ruhiger wird’s bei Despina Olympiou aus Zypern. Sie wanzt sich unverfroren an den Televoter heran und singt: „Wenn Du Dich an mich erinnerst, sag, ob wir uns wiedersehen. Ich bin immer für dich da“. Nett, bis zur zweiten Strophe ein fieser Magix-Musik-Maker-Knirsch einsetzt. Roberto Bellarosa aus Belgien macht für den Zuschauer die Verwirrung komplett. Während der Ire noch versprochen hat, dass nur die Liebe überlebe, meint er keck: „Love kills“. Da ist man natürlich ganz verwirrt und bemerkt gar nicht mehr, dass der junge Mann zwar einen sehr gefälligen Popsong dabei hat, aber leider auch nur die Ausstrahlung eines Robbie-Williams-Imitators aus dem VHS-Karaokechors Gent-West besitzt. Das Ende markieren schließlich die frechen Girls von Moje 3 aus Serbien. Im Vorentscheid hatten sie noch ein Engels- und Teufelskostüm an, jetzt kommen sie mit der zweittollsten Idee daher: Schulmädchenkostüme. Sie erzählen eine total witzige Geschichte, aber halt in Landessprache. Sie dürfte in etwa so gehen: „Es gibt gute und es gibt schlechte Mädchen. Doch egal, was auch passiert, man kann immer noch Tonleitern hoch und runter singen.“ Ist natürlich ein Scherz, in Wirklichkeit geht’s um die Frage, ob man einem Typen trauen kann, selbst wenn man toll Tonleitern hoch und runtersingt.

Damit hätten wir’s dann für heute auch schon geschafft. Weiter kommen übrigens Dänemark, Niederlande, Russland, Ukraine, Estland, Kroatien, Serbien, Montenegro, Moldawien und Irland. Oder ganz andere, wir werden sehen.

Schalten Sie auch am Donnerstag wieder ein, warum sollte es Ihnen besser gehen als mir?

Es ist… eine Webseite.

Liebe Besucher, die Profis unter Ihnen werden es bemerkt haben: Hier tut sich was. Design ist neu, einige Inhalte sind neu und hinter den Menü-Punkten stecken sogar Inhalte. Unfassbar. Schauen Sie sich gerne ein wenig um, geplant sind von nun an einige Geschichten hinter meinen Geschichten, Hinweise auf hübsche andere Journalismus-Projekte, Informationen zu meiner Schreiber-, Seminar- und Konzeptarbeit sowie das übliche Kontaktgedängel. Das braucht noch ein paar Tage Jahrzehnte, aber bis dahin bin ich sicher unter info (at) christianfahrenbach (punto) de und als @cfahrenbach bei Twitter zu erreichen. Besten Dank!