Archive: August 2013

Deutscher Buchpreis 2013 – Longlist in einem Satz

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 ist erschienen. Damit Sie das nicht alles lesen müssen, hab‘ ich mich mal durch die Verlagszusammenfassungen geklickt.

Mirko Bonné, „Nie mehr Nacht“, Schöffing & Co., 360 Seiten, 19,95 €
Zeichner Markus Lee reist in die Normandie, um Brücken aus dem Zweiten Weltkrieg zu zeichnen, muss sich dabei aber der eigenen Jugend und Familie stellen.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“, Wallstein, 272 Seiten, 19,90 €
Chaim Soutine, weißrussisch-jüdischer Maler und Zeitgenosse Chagalls, erlebt 1943 eine Überlandfahrt ins besetzte Paris, bei der sein Leben im Morphium-Delirium an ihm vorbeizieht.

Thomas Glavinic, „Das größere Wunder“, Hanser, 528 Seiten, 22,90 €
Jonas ist ein Tourist am Mount Everest, der während des qualvollen Aufstiegs an seine Kindheit, seine Jugend und die große Liebe Marie zurückdenkt.

Norbert Gstrein, „Eine Ahnung vom Anfang“, Hanser, 352 Seiten, 21,90 €
Auf einem Provinzbahnhof wird eine Bombe gefunden und ein Lehrer zweifelt, ob sich sein früherer Lieblingsschüler Daniel religiösen Extremisten angeschlossen hat.

Reinhard Jirgl, „Nichts von Euch auf Erden“, Hanser, 512 Seiten, 27,90 €
Nachdem im 23. Jahrhundert die Stärkeren unter den Menschen auf Mond und Mars ausgewandert sind, kehren sie zwei Jahrhunderte später wieder zurück und wollen die Macht auf Erden wieder an sich reißen.

Daniel Kehlmann, „F“, Rowohlt, 384 Seiten, 22,95 €
Kurz vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise trifft der katholische Priester Martin Friedland auf seine beiden Brüder, den hochverschuldeten Finanzberater Eric und dessen Zwilling Iwan, ein Kunstkenner und Ästhet.

Judith Kuckart, „Wünsche“, Dumont, 300 Seiten, 19,99 €
Vera findet beim Schwimmen an Silvester, ihrem 46. Geburtstag, einen fremden Ausweis und haut nach London ab.

Olaf Kühl, „Der wahre Sohn“, Rowohlt, 480 Seiten, 24,95 €
Krynitzki soll eine verschwundene Luxuslimousine von Kiew nach Deutschland zurückbringen, lernt dort aber die Frau und den Sohn des ehemaligen Besitzers kennen und gerät in eine verzwickte und gefährliche Familiengeschichte.

Dagmar Leupold, „Unter der Hand“, Jung und Jung, 296 Seiten, 22,00 €
Ein italienischer Mäzen lässt Minna über eine alte Ostpreußin schreiben, wobei die Begegnung der beiden Frauen auch Auswirkungen auf das Leben des Frühchens Minna hat.

Jonas Lüscher, „Frühling der Barbaren“, C.H. Beck, 125 Seiten, 14,95 €
Als der Schweizer Fabrikerbe Preising in der Nähe einer seiner Produktionsstätten in Tunesien die Vorbereitungen für eine dekadente britische Hochzeit beobachtet, beginnt er, über die Folgen der Globalisierung nachzudenken.

Clemens Meyer, „Im Stein“, S. Fischer, 560 Seiten, 22,99 €
Prostituierte, Engel und Geschäftsmänner kämpfen in einer großstädtischen Nacht um Geld, Macht und Träume.

Joachim Meyerhoff, „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“, KiWi, 352 Seiten, 19,99 €
Joachim wächst als Sohn eines Psychiatriedirektors auf und ist glücklich, wenn er auf den Schultern eines Insassen über das Anstaltsgelände reiten darf.

Terézia Mora, „Das Ungeheuer“, Luchterhand, 688 Seiten, 22,99 €
Nach dem Selbstmord seiner Frau verliert Darius Kopp seinen Job, liest ihr geheimes Tagebuch und bricht zu einer Reise auf der Suche nach ihren ungarischen Wurzeln auf.

Marion Poschmann, „Die Sonnenposition“, Suhrkamp, 337 Seiten, 19,95 €
Tagsüber bietet der Rheinländer Altfried Janich den Psychiatriepatienten im „Ostschloss“ in der Sonnenposition Orientierung, doch nachts muss er sich seiner eigenen Familiengeschichte stellen.

Thomas Stangl, „Regeln des Tanzes“, Droschl, 280 Seiten, 22,00 €
Drei Personen streifen zu unterschiedlichen Zeiten durch Wien und versuchen, ihr eigenes Leben und die allgemeinen Verhältnisse zu ändern.

Jens Steiner, „Carambole“, Dörlemann, 224 Seiten, 19,90 €
Während sich die Welt um sie herum rasend schnell verändert, verharren die Bewohner eines Dorfes in ihrer Lethargie, obwohl oft ein Schritt in die Zukunft möglich wäre.

Uwe Timm, „Vogelweide“, KiWi, 336 Seiten, 19,99 €
Eschenbach hat sich in seinem Leben als Eremit an der Elbmündung eingerichtet, als plötzlich seine alte Liebe Anna ihre Rückkehr aus New York ankündigt.

Nellja Veremej, „Berlin liegt im Osten“, Jung und Jung, 336 Seiten, 22,00 €
Die Mittvierziger-Ich-Erzählerin Lena beschreibt ihre Kindheit in Russland, ihre Gegenwart als Altenpflegerin in Berlin und ihre Beziehung zum beinahe doppelt so alten Herrn Seitz.

Urs Widmer, „Reise an den Rand des Universums“, Diogenes, 352 Seiten, 22,90 €
Urs Widmer erinnert sich autobiografisch an die ersten dreißig Jahre seines Lebens, Kindheit, Jugend und frühes Erwachsensein zwischen 1938 und 1968.

Monika Zeiner, „Die Ordnung der Sterne über Como“, Blumenbar, 607 Seiten, 19,99 €
Pianist Tom Holler tourt durch Italien und hofft, in Neapel seine Jugendliebe Betty Morgenthal wiederzutreffen, die frühere Lebensgefährtin seines tödlich verunglückten besten Freundes Marc.

Wir erleben ein „Goldenes Zeitalter im Journalismus“

Bei Henry Blodget springen erst einmal die Beißreflexe eines Journalisten an. Der Mann war Analyst für Oppenheimer und Merrill Lynch, bevor er CEO für businessinsider.com wurde, eine Webseite mit, nun ja, Wirtschaftsnachrichten. Dennoch hat er 12 Gründe veröffentlicht, warum wir uns in einem goldenen Zeitalter des Journalismus befinden. Eat this, #tag2020.

– Die Menschen sind besser informiert und haben mehr Interesse an Informationen als je zuvor.
– Es entsteht mehr großartiger Journalismus als je zuvor.
– Jeder Journalist überall auf der Welt kann nahezu jeden anderen Menschen überall auf der Welt direkt und sofort erreichen.
– Die Krise der traditionellen Medien wird stark übertrieben (weil Print-Probleme durch mehr TV und vor allem durch eine exponentiell wachsende Zahl an Online-Angeboten ausgeglichen werden).
– Digitale Medienunternehmen beschäftigen eine neue Generation talentierter Journalisten – und die Unternehmen werden täglich besser und effizienter.
– Mobile Geräte sorgen dafür, dass Nachrichten überall konsumiert werden können, rund um die Uhr.
– Audio, Foto, Video – Journalismus bietet heutzutage eine große Bandbreite an Erzählformaten.
– Es gibt keine Beschränkungen mehr in Sachen Platz und Zeit für eine Geschichte.
– Einzelne Medien können sowohl in die Breite als auch in die Tiefe gehen, ohne dass dies zu Image-Problemen führt.
– Medien können auf neue Distributionsformen und Rechercheformen zurückgreifen, um Inhalte und Erträge zu generieren.
– Es gibt einen stärkeres Streben nach Korrektheit und Allgemeinwissen als je zuvor – und Journalismus kann direkt auf die digitalen Faktenchecker reagieren.
– Es ist für junge und talentierte Journalisten einfacher als je zuvor, in den Beruf einzusteigen und zu üben.

Der Artikel im Original.

Ist das alles sehr „amerikanisch“? Vielleicht. Aber durchaus ein guter Kontrapunkt zum ewig „deutschen“ Untergangsgerede. Schadet ja nichts, sich auch mal ein paar positive Dinge vor Augen zu führen.

Eisberg rettet Titanic – Jeff Bezos und die Washington Post

bezos_time_man_of_yearGestern platzte die Bombe, einen halben Tag später haben die Vorreiter der Medienwelt ihre Kommentare fertig geklöppelt. Zwischen Weltuntergang und Weltrettung ist alles dabei. Suchen Sie sich doch einfach raus, was Ihnen gefällt.

Wer Montagabend deutscher Zeit ein paar Minuten zu spät dran war, für den hatten die Twitter-Kollegen bereits alles erledigt. Die reine News war verkündet, der pfiffige „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“-Scherz war erledigt. Amazon-Chef Jeff Bezos kauft für kolportierte 250 Millionen Dollar die Washington Post. Eine kleine Rundschau durchs Netz.

Bei Salon ist Andrew Leonard mit der feinen Überschrift „Eisberg rettet Titanic“ guter Dinge. Er vermutet zwar, dass Bezos‘ Kauf nur Liebhaberei sei, führt aber ein anderes Argument noch länger aus: Bezos hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er nicht nur an Quartalszahlen denkt und Verlustphasen aushalten kann – für die langfristige Entwicklung der Zeitungs-Qualitätsmarke sei das doch super.

Bei paidcontent.org überwiegt der Optimismus. Obwohl seine Ziele unklar seien, habe Bezos genau die Finanzkraft, die ein Medienunternehmen in stürmischen Zeiten brauche. Hübsch auch die Aufstellung von Investments, die Bezos über die letzten Jahre tätigte: Von Second Life bis zu einer Krankenhauskette war da Vieles dabei.

Positiv gestimmt ist auch die wie stets lesenswert aufgeräumte Ulrike Langer. Sie schreibt bei Medial Digital, dass eine neue Washington Post mit Amazon im Hintergrund möglicherweise den Weg in die Zukunft weisen könnte. Endlich könnte ein Medienhaus entstehen, dass die individuellen Nachrichten- und Kommunikationsbedürfnisse der User versteht.

Optimistisch ist auch Karsten Lohmeyer von Lousy Pennies. Kunden, Marktmacht, Lesegerät, Micropayment-System und Tausende Autoren sprächen dafür, dass durch den Deal ein Experiment mit Beispielcharakter für die gesamte Branche entstehen könnte.

Etwas kritischer sieht Dirk von Gehlen die Lage. Er führt einige Bezos-Zitate der Vergangenheit auf, die zeigen, dass der Mann eben doch mehr Hedgefonds-Manager als Journalismus-Mäzen sei.

Bei Spiegel Online herrscht jedoch Krise. Die große Medienkrise sei ins Zentrum der Macht gerückt, schreibt Jan Friedman. Er mutmaßt als Fazit: „Bezos wird wohl kaum als zurückgezogener Wohltäter auftreten“, schließlich habe dieser im BZ-Interview vergangenen Winter gesagt, dass gedruckte Zeitungen in 20 Jahren Luxusartikel seien.

Und Bezos selbst? Der schreibt in seinem Brief an die Belegschaft (deutsch beim Handelsblatt), dass sich die Werte der Washington Post nicht ändern würden und er ohnehin nicht gedenke, in tägliches Mikromanagement zu verfallen.

Es bleibt spannend (scnr).

Nachtrag I – 7. August 2013:

Die Kommentare reißen nicht ab, hier eine kleine Ergänzung.

Obwohl Amazon so etwas wie ein „bizarres Apple“ sei, ist MG Siegler von TechCrunch der Ansicht, dass Bezos ein gewiefter Taktiker sei. „He’s flying under-the-radar until he can buy the radar.“

Und was meint eigentlich der berühmteste WaPo-Journalist aller Zeiten zum Deal? Nun, Watergate-Rechercheur Bob Woodward hat sich laut The Daily Beast geäußert und findet den Verkauf so mittel. „Es ist sehr traurig, aber wenn einer damit erfolgreich sein kann, dann Bezos.“

Trauriger ist da schon der New Yorker. David Remnick erzählt die Geschichte aus Sicht der Washington-Post-Mitarbeiter, von denen ein Reporter sagt: „Nun gehören wir zu einem Typen, der so reich ist, dass die Zeitung etwa ein Prozent seines Nettovermögens ausmacht.“

Enden soll die kleine Medienschau mit einem sehr lesenswerten Porträt von Bezos in der New York Times. Fazit dort: Mit der WaPo hat Bezos nun ein Sprachrohr, dass ihm auf seinen politischen Streifzügen für die gleichgeschlechtliche Ehe und gegen höhere Reichensteuern helfen wird.