Perfect 11: Start-ups auf dem Sprung

Andere Gründer treffen, von ihren Erfahrungen lernen, neue Hilfsmittel für die eigene Arbeit kennenlernen. Hier sind elf Tools und Webseiten, die auf den großen Durchbruch hoffen.

Ein Monat New-York-Startup-Abenteuer ist vorüber und bei Firmenbesuchen unserer Uni, Kooperationen mit anderen Hochschulen und Inkubatoren bei Meetups in der Stadt werden wir mit anderen Ideen bombardiert. Einige davon sind schon recht weit, andere gerade in der Beta-Phase, so dass über den direkten Kontakt mit den Gründern vielleicht kostenlose Probe-Accounts möglich sind. Viel Vergnügen. (Die meisten dieser Start-ups waren im Inkubatoren-Programm von Matter und haben in den Präsentationen einen tollen Eindruck gemacht.)

beatroot (@beetrootco)
Für wen: Freiberufliche Journalisten, Medienhäuser und Webseiten mit Bedarf an Kennzahlen
Idee: Misst die Wirkung von Online-Artikeln: „Reichweite“, „Gespräch“ und „Auswirkungen“. Diese Klickzahlen, Social-Media-Debatten und sogar Offline-Debatten stellt Beetroot auf einer einzigen Oberfläche übersichtlich dar.
Sweet Spot: Sehr übersichtlich und damit auch im Festangestellten-Alltag gut implementierbar. Zeigt auch Debatten und Events an, die ein Artikel offline ausgelöst hat.

butler (@butlerapp)
Für wen: Betreiber von Webseiten, die einen User und seine Klickereien auf der Seite verfolgen wollen
Idee: Misst und stellt dar, wie sich ein Webseitenbesucher durch  eine Seite bewegt, um Kennzahlen für Auswerter ohne technischen Hintergrund leichter verständlich zu machen. Ein Shop-Betreiber könnte zum Beispiel herausfinden, wann ein User aus dem Bestellprozess aussteigt.
Sweet Spot: Gut verständliche Auswertung von Kennzahlen und deutliches Aufzeigen von Schwächen – für einen auf den ersten Blick recht hohen Preis in Sachen Datenschutz.

capti (@captinarrator)
Für wen: Nutzer, die viele Texte konsumieren, aber diese lieber vorgelesen bekommen wollen als sie zu lesen
Idee: capti ist eine App mit integriertem Browser und Dropbox-Integration, die Dokumente und Webseiten vorliest. Vorerst funktioniert das Ganze nur auf englisch und mit den kostenlos integrierten Stimmen etwas schwächer. Wer aber hörbuch-gestählt ist und sich eine der (günstigen) Zusatzstimmen kaufen mag, bekommt eine App mit Potential.
Sweet Spot: Viel-Text-User, die in der U-Bahn oder beim Joggen Lust auf vorgelesene Texte bekommen, kriegen eine Technik, die zwar immer noch ausgebaut werden kann, aber im Vergleich zu früher schon erstaunlich weit ist.

connu (@readconnu)
Für wen: Autoren und Leser von Kurzgeschichten
Idee: Connu ist eine App, die kuratierte Kurzgeschichten von noch unbekannten Autoren aufs Handy bringt – und inzwischen auf andere mobile und Web-Zugangsarten ausgeweitet wird. Geplant ist eine Pay-as-you-like-Paywall.
Sweet Spot: Die App schaut schick aus, die Idee kuratierter Geschichten ist ansprechend.

contextly (@contextly)
Für wen: Medienhäuser, die ihre „Verwandte Artikel“-Empfehlungen verbessern wollen
Idee: Statt der oft schlimmen Klickschinderei mit fiesen „50-Kilo-in-zwei-Wochen-abnehmen“-Artikeln verbessert contextly die „Verwandte Artikel“-Links unter den Stories mit einer schnell einbindbaren Mischung aus Algorithmus und redaktioneller Überarbeitung. Ziel: User länger auf der Seite behandeln.
Sweet Spot: Die Automatisierung von Empfehlungen spart Zeit und ihre qualitative Verbesserung ist dringend nötig.

creativeactionnetwork (@thecreativeact)
Für wen: Künstler, Designer, Kreative, die zu einem vorgegebenen Thema arbeiten und verkaufen wollen
Idee: Auf einer Plattform werden Kampagnenthemen vorgegeben, zu denen jeder kreativ arbeiten – zum Beispiel Grafiken und Plakate gestalten oder Skulpturen herstellen – kann. Die Arbeiten können geteilt, aber auch verkauft werden. Künstler erhalten dann 40 Prozent der Erlöse.
Sweet Spot: Sehr attraktiv für Kreative, die mit Privatprojekten ihr Portfolio erweitern und sogar etwas Geld verdienen wollen. Anders als bei Wettbewerben soll es keinen Gewinner geben, stattdessen wird der Schwerpunkt auf die Kampagnenthemen gelegt.

informerly (@informerly)
Für wen: Menschen mit Interesse für elektronischen Handel
Idee: Ein täglicher E-Mail-Newsletter mit den wichtigsten Stories zum Thema e-Commerce und Online-Handel. Kurz und gut kuratiert.
Sweet Spot: Die Geschichten sind sehr lesenswert und das Angebot hat dank möglicher Internationalisierung und Individualisierung Potential

made (@needmade)
Für wen: Kreative Freelancer auf der Suche nach neuen Auftraggebern
Idee: Kreative (derzeit nur Designer) hinterlegen bei made ihre Business-Profile und geben einige grundlegende Daten ein. Auftraggeber können nach den Spezifika suchen und bekommen dann mögliche Kreative angezeigt.
Sweet Spot: Kreative müssen sich nicht um einzelne Aufträge bewerben, Preistreiberei soll so unterdrückt werden.

narratively (@narrativelyNY)
Für wen: Leser von hübschen und ausführlichen Online-Reportagen
Idee: Unter einem wöchentlich wechselnden Überthema stellt narratively feine Geschichten mit hübschem tragenden Bild vor. Die Qualität der Texte ist oft gut, das Wochenformat überzeugend.
Sweet Spot: Die Geschichten sind oft so angenehm zeitlos, dass bereits jetzt ein schönes Archiv mit New-York-Schwerpunkt entstanden ist.

rebelmouse (@RebelMouse)
Für wen: Webseitenbetreiber und Medienhäuser, die Social-Media-Debatten zu ihren Themen kuratieren und schick darstellen wollen
Idee: Die Twitter-Wall wird dank Rebelmouse zur Social-Media-Wall für die eigene Webseite. Wer will, kann zuvor kuratieren und so bessere Beiträge noch prominenter featuren.
Sweet Spot: Die Kacheln sehen schick aus und das System bietet echten Mehrwert für Veranstaltungen, bei denen auf verschiedenen Plattformen diskutiert wird.

woopie (@makewoopie)
Für wen: Journalisten, Autoren, Unternehmen und Agenturen, die ihre Webseiteninhalte als e-Book auf verschiedenen Plattformen veröffentlichen wollen.
Idee: Woopie steht für „write only once, publish it everywhere“ und bietet eine Plattform, mit der Blogbetreiber eigene Inhalte einfach als e-Book für verschiedene Formate aufbereiten können, zum Beispiel für Kindle, iBook, etc. Derzeit ist der erste Monat kostenlos.
Sweet Spot: Sollte die Konvertierung wirklich einfach funktionieren (bisher kenne ich nur eine Präsentation), dann steckt Potential darin, Umformatierungen und ein neues Lektorat zu sparen.

Supersize Me

Week 2 in #EJ14 brings us in touch with even more start-ups and their stories. They not only rose money but also an important question.*

Angel Investors, Seed funding, Kickstarter (or the German equivalent Krautreporter) Friends and Family – if you already started you own project, you’ll be familiar with some of these types of raising money for your start-up. Week 2 confronted us with even more stories of how other founders got their necessary money. I’m a bit confused about these options, because I feel as if some of them are too far-fetched for us right now, but being confronted with them leads me to a broader thought: Make up your own mind.

It is a shibboleth: Success comes on your own terms. If it’s attracting investors, then great. If it’s working independently on a smaller scale, then great, too. But: If some of us make any plus with our projects whatsoever, then I’d already consider this as a great accomplishment. (And it’s totally right that we applauded Katarina for the fact that bushwickdaily.com lets her sustain herself.)

The other business-advice in this sphere came from the master himself: Week 2 introduced us to Jeff „Mediengott“ Jarvis (I didn’t make that up, it’s out there, in the German twitterverse, crazy, these people on social networks). Considering all the people telling us their inspiring stories and that do such a great job helping us start, he also had an another important thought for us:

„You are going to get wildly conflicting advice, but you are the CEO!“

* See, what I did up there? A lame word-play. In English. I rule.

This posting is part of the Tow-Knight-Program in Entrepreneurial Journalism of which I’m one of 15 fellows in 2014. Every fellow starts his or her own startup-project and we are encouraged to reflect publicly on the experience once a week. Find more thoughts of mine about the program and the differences between the eco-systems in media and culture at the German-language blog carta.info.

Dieses Posting ist Teil des Tow-Knight-Studienprogramms in Entrepreneurial Journalism, an dem ich mit 14 anderen Studenten im ersten Halbjahr 2014 in New York teilnehme. Jeder Fellow startet während des Programms sein eigenes Start-up im Journalismus. Einmal wöchentlich sollen die Teilnehmer über ihre Erfahrungen bloggen. Noch mehr deutschsprachige Betrachtungen zum Programm darf ich von Zeit zu Zeit bei carta.info schreiben.

Herman the German travels to America

My Tow-Knight-Program in New York kicked off, causing a series of English blog-posts. What did I learn in week 1?
Three take-aways, comparing my inner German with my fellows.

So, there it was, week 1 of my CUNY-program in Entrepreneurial Journalism in New York. German friends and readers know how eager I was to join the program and move to the city. What happened so far not only exceeded my expectations – it also evoked many feelings in the first days that took me by surprise.

First of all, starting every second sentence with „In Germany…“ seems to be my shtick, but I consider it also a sign of something deeper. Being in a program with 15 new people, half of them having international backgrounds, obviously confronts me with myself and my origins. Apart from being mocked for being on time and using nice German words like „Kirschsteinweitspuckmeisterschaften“, I also had to think a lot about the cultural differences, especially within the media industry.

Three of them I’d like to share and keep in mind for the future:

– Be positive. When I started to study for my Journalism-diploma at my German university, the lecturer at the introduction course went back and forth for a terribly long time about the difficulties of the job. It was awful. In the whole first week of TowKnight I didn’t hear anybody using the word „fear“ or „afraid“. Maybe it’s not the time yet, but this week felt good without worrying too much. And it seems like a way better approach to new things.

– Be humble. The biographies of my fellow fellows are amazing and include successful projects, lives lived in many countries and work for some of the best companies in the world. I was impressed that none of this came across as bragging and I just thought that it wouldn’t be like that in Germany. Usually, even after minor accomplishments in finding new ways in journalism, people tend to become very proud about it publicly. And: Even during the fellow’s introductions, nobody seemed to be afraid (there, afraid, I said it, program’s over…) to admit failures and ways that didn’t turn out well. This also looks to me like a strong sign of humility – or maybe they’re all heroes of effective and manipulative self-portrayal.

– Be yourself. Not all the stories we heard during the introductions where success-stories. Start-ups failed, career-steps didn’t turn out the way they were planned. Looking at the notes I took during everybody’s introduction, I was amazed how often I put down one comment: „has a strong sense of who he is as a person“ (or „she“, it’s 9-6 female, actually). Many didn’t hold on to the presumably safe job at a magazine but instead started listening to their voices within in order to make better decisions in the future. Right now, it seems as if this sense of „try to find the rules you yourself feel most comfortable with“ will be valuable, once we dive deeper into the questions of how to „properly“ build our projects. There won’t be the „proper“ way, I’m sure.

This posting ist part of the Tow-Knight-Program in Entrepreneurial Journalism of which I’m one of 15 fellows in 2014. Every fellow starts his or her own startup-project and we are encouraged to reflect publicly on the experience once a week. Find more thoughts of mine about the program and the differences between the eco-systems in media and culture at the German-language blog carta.info.

Dieses Posting ist Teil des Tow-Knight-Studienprogramms in Entrepreneurial Journalism, an dem ich mit 14 anderen Studenten im ersten Halbjahr 2014 in New York teilnehme. Jeder Fellow startet während des Programms sein eigenes Start-up im Journalismus. Einmal wöchentlich sollen die Teilnehmer über ihre Erfahrungen bloggen. Noch mehr deutschsprachige Betrachtungen zum Programm darf ich von Zeit zu Zeit bei carta.info schreiben.

Schluss mit dem Gerangel!

Journalisten schreien gerne Innovationen der eigenen Branche nieder. Das wird zum Problem, denn statt HuffPo-Überschriften sollten wir viel Grundlegenderes diskutieren.

Diskutierende Journalisten (Symbolfoto)

Diskutierende Journalisten (Symbolfoto)

Hey, ho, HuffPo. Jetzt ist es also an den Start gegangen, das bisher wohl größte Experiment in Sachen Online-General-Interest-Nachrichteneigenmarke, das es in Deutschland je gab. Wir Menschen in der Filterblase ignorieren die Bedeutung des Launchs der Huffington Post für die 98 Prozent unserer Normalmensch-Bekannten und diskutieren uns seit Wochen die Köpfe heiß über Pro und Kontra der Seite. Was bereits weit im Vorfeld klar war, hat sich bewiesen: Die Seite ist ganz furchtbar! Wie ungerecht die Bezahlung ist, wie marktschreierisch die Vermarktung, wie hässlich der Look!
Wie so viele Debatten der leicht masochistischen Branche schießt auch diese Diskussion am Ziel vorbei. Der ewige Hater-Reigen geht weiter, aber irgendwann einmal muss er aufhören, dieser Beißreflex. Es braucht einen Ausweg zwischen Nullentlohnung-gegen-Aufmerksamkeit-Offerten, Journalisten-machen-keine-PR-Dogmatismus und Öffentlich-Rechtliche-Zwangsabgaben-Nutznießer-sind-doofe-Kanzelprediger-Moralismus.

Was wir doof finden (I): Neue laute Angebote ohne Bezahlung
Der Reihe nach. Reden wir zunächst über den Stein des Anstoßes, die Huffington Post. Wer die Seite nicht kennt, der findet Hilfe bei Wikipedia: Eine „US-amerikanische Onlinezeitung“ sei das, die „Internetlinks zu verschiedensten Nachrichtenquellen und –kolumnisten“ vereine und „daneben eigene Berichte und Kommentare“ biete. Streit gab es im Vorfeld vor allem darüber, dass einige Journalisten, Blogger und Webschreiber gebeten wurden, Meinungsartikel einzureichen und dafür nur den Ruhm der Marke, aber kein Geld bekommen.

Schnell folgten gestern die Blitz-Urteile: Kaum Eigenes, alles viel zu laut, hässliches Design. Na, Potzblitz, das war ja alles kaum zu erwarten gewesen! Wir plärren uns die Seele aus dem Leib, verpassen aber eine Debatte darüber, welches Standing die Marke wohl bekommen könnte. Wollen „die Menschen im Land“ ™ überhaupt eine neue Medienmarke lernen? Werden die linkfaulen deutschen Seiten die HuffPo als zitierwürdigen Player akzeptieren? Wird es der Redaktion gelingen, zitierwürdigen Content herzustellen? Den durchaus passablen Web-Sender HuffPo-Live der US-Seite betrachten wir nicht einmal. Und was andere mutmaßlich seriösere Angebote von der exzellenten Social-Media-Vermarktung der Huffington Post lernen können, vergessen wir auch zu fragen.

Wem das doof finden eigentlich nützt
Es ist ermüdend, dieses reflexhafte und unoriginelle Gebelle: „Die Schweine, machen eine doof-laute Webseite und bezahlen einfach nicht!“ Denn am nächsten Tag sind die Schweine schon wieder raus aus Twitterhausen und das Geschrei verankert bei Otto-Normal-Verlagsleiter vielleicht nur das hübsche Info-Bit: „Huffington Post? Das ist doch dieses Riesending, was nichts zahlt. Interessanter Ansatz.“ Egal, dass die HuffPo nur einen Teil der Meinungsbeiträge nicht entlohnt, egal ob das Angebot krachend an die Wand fährt, dieser Interpretationsrahmen ist erst einmal in der Welt und wird bei entsprechender „Viralität“ der Beiträge (allein das Wort schon) sicher für viele Chefetagen attraktiv sein.

Damit könnte die HuffPo in größerem Zusammenhang eine ganz andere Reaktion auslösen. Den Schreibern im Land (kein ™) wird es sicher nicht gelingen, ihre Interessen zu bündeln und bessere Bezahlung durchzusetzen – zu sexy ist der Beruf, zu sehr dringt der immer noch ein wenig günstigere Nachwuchs auf den Markt, zu fragmentarisch sind die Einzelinteressen der Kollegen. Ergo wird flugs für Online-Meinung und Nachrichtenschreiberei immer noch ein wenig weniger gezahlt.

Wenn es heute nicht die Huffington Post ist, kommt morgen der nächste große Player um die Ecke und die kleinen werden nachziehen. Wir halten also fest: Journalistisches Schreiben wird auch dank dieser Debatte ein weiteres winziges bisschen im Wert sinken. Was folgt daraus? Zumindest mal der Gedanke, weitere Finanzierungsmodelle anzuschauen.

Was wir doof finden (II): Mischfinanzierte Freie
Da war beispielsweise im Sommer die Debatte über das Format „Jung und naiv“, eine Webvideo-Interviewreihe des Berliner Kollegen Tilo Jung. Ein bunter, neuer Ansatz, der mit ordentlich ungelenkem learning-by-doing garniert war und einigen aufstieß, sicher auch wegen der in ihren Augen dann doch etwas zu jung und naiven Moderationsfigur. Auch da kam sie wieder blitzschnell herausgeschossen, diese Denkhaltung: „So macht man das aber nicht!“

Besonders laut wurde die Debatte unter der Käseglocke, als Tilo bekannt gab, Google als Sponsor gewonnen zu haben. Ohne einen einzigen Beleg war es da, das Urteil im Schnell-Gericht zu Twitterhausen: käuflich. Die Debattenkarawane zog aber auch hier schnell weiter, verpasste spannendere Fragen und löste auch hier einen hübschen Kollateralschaden aus.

Man hätte darüber nachdenken können, was sich andere freie Kollegen oder auch Medienhäuser von der sehr engagiert betriebenen Positionierung und Markenbildung abschauen könnten. Man hätte sich fragen können, was es über die Innovationsfreude der Branche sagt, wenn ein Format, das gängige Regeln nur ein wenig verletzt, anderen so sehr aufstößt. Stattdessen: „Oh Gott, er hat Steinbrück geduzt!“

Hinzu kommt, dass auch diese kleine Episode ein Teil eines größeren Diskussionsdauerbrenners ist: Tilo Jung stand plötzlich beispielhaft für einen ganzen Menschenschlag, auf den aus manchen Redaktionen gerne heruntergeschaut wird, den des käuflichen freien Kollegen. Wie kann er nur Geld von Google nehmen? Wie können sie alle nur Geld von Unternehmen nehmen? Deutlich seltener fragten Verlagsleiter sich generell: Bis wohin bezahlen wir? Welche Mischung aus PR und Journalismus akzeptieren wir bei freien Schreibern und wie viel ist sie uns wert? Besonders: Wenn wir gar keine Mischung akzeptieren: Was glauben wir ist ein angemessener Betrag, um unser Qualitätsmedium herzustellen? Sind es die teils zweistelligen Tagessätze im Lokalen?

Wer sowieso nicht mitreden darf: Mitarbeiter von ARD und ZDF
Gefragt und geklagt werden solche Fragen teils allgemein und im speziellen Jung-und-naiv-Fall unter anderem von Thomas Leif, früherer Vorsitzender des Netzwerks Recherche und Chefreporter beim SWR oder vom für das ZDF tätigen Kollegen Martin Giesler.

Wenn aber Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen Kritik üben, bietet sich zum Glück schnell eine Lösung. Sie lautet: „Na, die haben leicht reden!“ Dann ist von der „Zwangsabgabe“ und dem „Elfenbeinturm“ die Rede – und zwischen dem oberflächlichen Blabla zum Rundfunksystem dieses Landes bleibt wieder kein Platz für Debatten über den Tag hinaus. Denn die Grabenkämpfe kosten auch hier wieder Energie, die vielleicht eher für den Aufbau eines deutschen ProPublica gebraucht würde. Oder eine Diskussion abseits von Verlagsinteressen darüber, ob gebührenfinanzierte Nachrichtenberichterstattung auch online (über das Angebot der bisherigen ÖR hinaus) oder für Print sinnvoll ist und wie man sie gestalten könnte.

Und nun?
Ich weiß, das sind alles keine besonders originellen Gedanken. (Wenn es danach ginge, wären viele Webseiten deutlich übersichtlicher) Was mich aber wirklich interessiert: Was machen wir denn jetzt? Gratisschreiben finden wir doof, aber höhere Löhne werden nicht wiederkommen. Unternehmerische Querfinanzierung finden wir auch doof, aber übersehen vielleicht, dass seit Jahrhunderten jedes Medienangebot über Anzeigen unternehmerisch querfinanziert wird. Wer sich wie die öffentlich-rechtlichen Kollegen nicht am Markt beweisen muss, den finden wir auch doof, und als Finanzierungsmodell wird das ja auch nicht die komplette Landschaft erhalten.

Auf Panels, in Branchentiteln und im Internet stechen sich die sicht- und hörbaren Teile der deutschen Journalistenszene gegenseitig die Augen aus und merken gar nicht, dass daraus überhaupt nichts Produktives entsteht. Weil wir keinen Ort der zivilisierten Debatte und des Lernens schaffen. Einen Ort, an dem wir uns darauf konzentrieren, was bei anderen funktioniert, selbst wenn wir mit weiten Teilen von deren Angebot nicht einverstanden sind und einen Ort, an dem wir auf Basis von sichtbaren Angeboten und Klickzahlen urteilen und nicht Wochen vor dem Launch neuer Seiten oder auf Basis von Mutmaßungen nach Sponsorenschafts-Bekanntgaben.

Vielleicht kann man von der Huffington Post halt doch lernen, wie man die eigenen (und nach eigener Ansicht fundierten) Inhalte besser an den Leser bringt. Vielleicht kann man angesichts von „Jung und Naiv“ endlich vernünftig darüber diskutieren, wer denn selbst auf die Beine gestellte Journalisten-Startups langfristig finanzieren soll und unter welchen Bedingungen. Vielleicht kann man mit Blick auf die Öffentlich-Rechtlichen besprechen, wie die Hörfunk-/TV-Modelle bei Bedarf ausgeweitet werden können, ohne dass es gleich nach Subvention und Zwangsabgabe für eine sterbende Printindustrie ausschaut.

Und vielleicht können wir am Rande mal diskutieren, wie es eigentlich sein kann, dass diese zentrale Journalismus-vs.-PR-Debatte auf Kosten des schwächsten Glieds der Herstellungskette geführt wird, den freien Journalisten. Verlage, die ordentliche Renditen einfahren, halten links für (zurecht) gut funktionierende Corporate-Publishing-Zweige die Taschen auf und tadeln rechts, unterstützt durch idealistisch bis dogmatisch argumentierende Kollegen, mit absolutistischen Forderungen die Freien. Doch anstatt Unabhängigkeit von Medienhäusern zu fördern und neue Wege zu gehen, diskutieren wir prophylaktisch alles zu Tode.

Meine zwei Cents. Bitte entschuldigen Sie, das hat ein wenig in mir gegärt. Ich bin sonst nicht so. Also, los geht’s mit der positiven Debatte und mit vielen, vielen Beiträgen, die mit „Was man von XYZ lernen kann“ überschrieben sind.

Und während Sie das alles besprechen, warte ich auf den Tag, an dem sich Dieter Zetsche hinstellt und sagt: „Tja, liebe Ingenieure, wir zahlen jetzt mal schlechter. Bei Daimler die Autos zusammenzuschrauben ist eine Investition in den eigenen Lebenslauf.“

Tl;dr: Im Niederschreien neuer Konzepte ist die Journalisten-Szene saustark – es fehlt ein Ort, an dem funktionierende Aspekte neuer Journalismus-Ansätze auf vernünftiger Betriebstemperatur diskutiert werden.

Disclosure I: Ich texte auch von Zeit zu Zeit für Mitarbeiter- und Kundenmagazine und Konzepte. Überschneidungen mit meiner journalistischen Arbeit gab es damit keine, über Auftraggeber auf PR-Seite habe ich journalistisch nicht berichtet.

Disclosure II: Ich kenne Tilo Jung persönlich und wir pflegen einen halb-regelmäßigen asiatischen Schnell-Imbiss-Test in den Metropolen dieser Nation – ungesponsert und unverbloggt.

(Edit: Disclosure III: Dass es nicht „Disclaimer“ heißt, habe ich von einem freundlichen Tippgeber gelernt und geändert.)

(Foto unter CC-Lizenz von „Tambako the Jaguar“ via Flickr.)

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